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Echolot

 Inhalt

Die Prinzessin und der Horst
Der Roman zum Viertel!

Graswurzelbissen und Schnellgeher
Warum Mütter und Punks auf einer Seite stehen

Rundgang in Ottensen III
Ottensener Hauptstrasse, Bahnhof und Stuhlmann-Brunnen

Brutfelsen des Großstadtgeflügels
Aktion des "Gartenlabor Hamburg" im Lessingtunnel

Die Flucht durch den Schellfischtunnel
Eine Geschichte, die auf Wahrheit, Vermutung, tatsächlicher Geschichte und Ausgedachtem beruht...

Rot-Weiß Essen
Zu Gast in Ottenser Imbissen

Einkauf für's Mittagessen
Die Mark schwingt locker in der Hosentasche, klötert zusammen mit dem Feuerzeug den groovigen Rhythmus des flotten Einkaufbummels.

Wie schmeckt Veränderung?
Ein Briefwechsel über Ottensen

Des Apfelmanns knorrige Hände
Auf grillenhafter Einkaufstour in Ottensen

Ottensen in der Mitte der fünfziger Jahre
Erinnerungen

Stadtteil-Profil
Ottensen in Zahlen

S-Bahnhof Ottensen?
Seit Ende Juni läuft das Prüfverfahren für eine S-Bahn-Haltestelle "Ottensen" in der Thomasstraße.

Grün in Ottensen
Apfelbaum braucht Wurzelraum! Bürgerinitiative für den Erhalt der Altonaer Kleingärten

Europa? Das ist weit weg.
Ottensen hat gewählt. Ganz Ottensen? Kann man so nicht sagen.

Streiten in Ottensen
Ein streitbares Viertel! nennt Hamburgs Stadtentwicklungssenator Ottensen im Altonaer Wochenblatt.



    Wie schmeckt Veränderung?
Vom 18.12.1999 bis zum 30.1.2000 beleuchteten wir, Olaf und Andrea, in mindestens 20 mails unseren kleinen Stadtteil. Wir fanden Licht und Schatten, wagten objekte wie subjektive Blicke, sprachen von Herzensangelegenheiten und Stadtentwicklunsprozessen. Wir begannen mit dem Café Vollrath und endeten mit den möglichen Umbau des Altonaer Bahnhofs – und das alles ungeplant. Ob Euch das interessiert? Ob wir diesen Versuch wiederholen werden? Ob Ihr Euch angeregt fühlt, selbst, so oder anders, Geschichte und Geschichten über Ottensen zu schreiben? Echolotet doch mal...
Andrea H. wohnt und lebt seit 3 Jahren in Ottensen. Sie beschäftigt sich beruflich u.a. mit dem Dialog über und in Stadtteilentwicklung.
Olaf W. hat noch nie in Ottensen gewohnt, sondern immer drum herum, kennt aber fast alle Kneipen und kümmert sich seit 1986 als Bezirksabgeordneter auch um diesen Stadtteil gerne.

Der Plüsch ist weg: Aus dem ehemaligen Café Vollrath, Treffpunkt aller älteren Damen und Herren des Viertels und Lieblingsplatz auch der jüngeren Schwarzwälder-Kirsch-Anhänger/innen, wurde die "Sweet Art Bakery". Ich finde das traurig! Verkommt Ottensen jetzt doch langsam aber sicher zum trendy-Hip(p)-Dreißiger-abwärts-Quartier???

War das Quartier je frei von Veränderungen, war es je frei von dem Bedauern derjenigen, die immer gerade den jeweils vorherigen Zustand schätzen gelernt hatten ? Das Ottensen der End-90er Jahre hat mit dem der frühen 70er noch manche Äußerlichkeit gemeinsam - aber die Bewohnerschaft ist binnen einer Generation zu zwei Dritteln ausgetauscht worden.
In dieser Zeit gingen : die Metallarbeiter, viele Alte, die 3-Generationen-Familie in der feuchten Mietwohnung, Frauen, die vormittags an der Großen Elbstraße Fische putzten, Kinder, deren Großeltern noch KPD gewählt hatten.
In dieser Zeit kamen : die Dienstleistungseliten, die urbanen Jungen, die Punks, die Immigrant/innen aus Anatolien und Baden-Württemberg, die Schnösel&Pösel (häufig nur zu Besuch), die Oberstudienrät/innen in der umgewandelten Eigentumswohnung, Kinder, deren Eltern GAL/SPD wählen.
Und immer gab es - bei jeder Veränderung - jemanden, der den Wandel als Anfang vom Ende charakterisierte. Immer gab es ein Café Vollrath, das schloss.
Wenn's ein Trost für Deine Trauer ist : wo 2/3 gehen, bleibt 1/3.

Stimmt. 2/3 der Torten sind weg, aber 1/3 (Nuß, Schwarzwälder und irgendwas mit Buttercreme) ist noch da! Hab extra heute noch mal recherchiert. :)
Doch ernsthaft - und Dich ganz genau beim Wort genommen: Die Bewohnerschaft wurde also "ausgetauscht"? Ottensen ein Produkt cleverer Marketingstrategen, die ganze Alters-, Bildungs- und einkommensunterschiedliche Menschen hin und her schieben?
Veränderungen gerne, aber gerne so, wie die Bewohner/innen es wünschen!

Buttercreme klingt verlockend, so wie mein Kindheitstraum(a) Frankfurter Kranz mit diesen kleinen, bunten, harten Zuckerostereiern drauf (aber das meiste, was Spaß macht, macht entweder dick oder ist verboten). Obsessionen wären jedoch ein eigenes Thema, obwohl auch mit O ...
Hinter Deiner ernsthaften Aussage versteckt sich, für meinen Geschmack zu stark, die Vorstellung von zentral geplanter Verschwörung gleichgesinnter Fädenzieher. Solche gibt's auch, mal privat (ein Gruß an die Conle-Geschädigten), mal öffentlich (City West nebst Autobahnzubringer).
Aber es gab und gibt zugleich ein buntes Bukett persönlicher Motive eines Teils derjenigen, die nicht mehr hier wohnen : das Reihenhaus in Sülldorf hat ein Gärtchen; man kann die Zeißstraße nicht mehr überqueren, ohne gegen einen geparkten Golf zu laufen; der eine Hausbesitzer tut gar nichts, um die Wohnung in Schuss zu halten; die andere Vermieterin tut zu viel, als dass Du diese 4 Wände noch bezahlen könntest; das längst erwachsene Kind studiert in Paris; etliche BewohnerInnen mussten ins Heim ziehen oder leben nicht mehr; Mensch (Ottensen) verliebt sich in Mensch (Billstedt) und zieht mit diesem nach Dingskirchen; auf dem langjährig unbebauten Hof in meinem Wohnblock verdunkeln neuerdings 4 Geschosse meinen Blick in den Himmel; und und und
Schließlich : "die" BewohnerInnen gibt es nicht - wie Du selbst feststellst -, und also haben diese mit ihren unterschiedlichen Interessen auch unterschiedliche, teils gegensätzliche Wünsche. Dann also gar keine Veränderungen ? Ich grüble, ob ich das möchte, selbst wenn es funktionierte.

Ich gebe zu: Ich wollte Dich provozieren. Und natürlich weiß ich um das Sammelsurium privater Interessen und um die Schwierigkeiten des Konsens. Auch ich finde es müßig, gegen Veränderungen zu wettern und alten Heimatbildern nachzuhängen. Und doch - und darum geht es mir - nehme ich für mich in Anspruch, um einen Teil meiner privaten Geschichte in Ottensen - nämlich das Café Vollrath, wie es war - zu "trauern".
Dem vom persönlichen Empfinden abgekoppelten "Das Beste ist die Veränderung" kann und werde ich nicht folgen.
Wenn Du magst, erzähl mal, wie es Dir geht mit Ottensen!

Mach' ich - wenn Du, für den Anfang, mit plakativen "Überschriften" zufriedenzustellen bist.
Ottensen ist meine Summe persönlicher Eindrücke der letzten, na, 22 Jahre : Licht und Schatten wechseln am Boden wie am Himmel darüber, wenn tiefhängende Wolkenpakete bei Stärke 8 darüberziehen.
Licht: der vielfach erfolgreiche Versuch von vielen (auch von mir), möglichst viel Industriedorf zu erhalten - Schatten: wenn man ewige Zeiten zwischen Königstraße, Max-Brauer-Allee und Holstenbrauerei gelebt hat, geht einem die Idolisierung jenes Altonaer Vororts gelegentlich höllisch auf den Senkel.
Licht: die Dreiecksplätze, Neumühlen, neubelebte Reste von Menck&Hambrock - Schatten: die sozialen Konsequenzen der Aufwertung, die Zerstörung des (Haupt-)Bahnhofs in den 70ern, der Verlust quietschender Straßenbahnen.
Licht: ich beschäftige mich seit langem oft und gerne mit dem Viertel - Schatten: Wohnen möchte ich dort nicht unbedingt.
Licht: frische Liebe und alte Kneipen - Schatten: die erkannten Irrtümer und die Einsicht, dass dicke Bretter schwer zu bohren sind.

Uns unterscheiden also knapp 20 Jahren an Ottensen-Erfahrung!!! Ich wohn' erst seit drei Jahren hier und es war und ist immer immer schön, immer immer Licht. Viel schöner als in den sechs Jahren Schanze davor. Eins der schönsten Dinge finde ich, dass ich einfach ins Marysol gehen kann und fragen: War meine Freundin schon da? Ja, ja, geliebtes Ottensen-Dorf!! Doch weiter im Text: Wie denkste Ottensen, wenn Du an Ottensen in der Zukunft denkst? Wünsche, Pläne, Ziele, Erhaltenswertes, Wunder? Na?

Zukunft denken (siehe auch "Glaskugel") ist hartes Brot - weil ich zwar bestimmte Kurzzeitvorstellungen davon habe, wie es werden, was bleiben, was sich ändern soll, andererseits aber so meine Zweifel habe, ob es nur positiv wäre, wenn sich ein Stadtteil ausschließlich nach dem Plan in meiner (oder jedermenschs anderer) Denk-Retorte entwickeln würde.
Aber lass' mich kurz bei der Gegenwart verweilen : "immer immer schön, immer immer Licht" - also keinerlei Schatten für Dich ? Und wie definierst Du dieses "Ottensen" eigentlich : der Stadtteil innerhalb seiner Verwaltungsgrenzen nebst allem, was darin kreucht und fleucht ? Oder nur die Teile davon, die Du gerne wahrnimmst ?

Es gibt etwas, wo ich Ottensen nicht "denke", sondern "fühle": Der Ort, wo ich mich bewege und mich sicher fühle. Der Ort, an dem meine Freund/innen und Bekannte wohnen. Der Ort, der mir in schwierigen Zeiten Trost ist. Der Ort, der Krafttrunk ist für meine Pläne. Schlicht: Der Ort, an dem ich zu Hause bin. Und nicht zuletzt: Obwohl ich gerne in der Großstadt lebe und viel und gerne (auch beruflich) über die Stadt nachdenke, ist Ottensen ein Platz, an dem mich der Moloch nicht verschlingt.
Diesen Teil versuche ich gerade zu vertreten. Mehr noch: Ich versuche, zu verteidigen, dass Bewohner/innen - wie ich - Lebensqualität ganz persönlich definieren.

Gegen wen glaubst Du, diesen Anspruch verteidigen zu müssen ? Gegen meine unbeantwortet gebliebene Frage, ob Du, wenn Du "Ottensen" sagst-denkst-schreibst-fühlst, alleine Dein persönliches Konglomerat aus Trost, Kraft und Heimat meinst oder auch diejenigen Aspekte des Stadtteils, die Dir eher stinken oder fremd sind ?
Ich finde dies wichtig zu wissen, damit wir nicht aneinander vorbei - über unterschiedliche Gegenstände - argumentieren. Es dient aber auch der schärferen Abgrenzung : ein Plätzchen, das Dir die Möglichkeit des Rückzugs lässt und Dich nicht verschlingt, fände sich gewiss ebenso in Sülldorf oder Bahrenfeld; es muss also für Dich mehr dran sein an diesem Viertel.

Alles merkwürdig... Bin immer noch beim Gesprächsverlauf - erst verteidigst du, dass Menschen aus persönlichen Motiven aus Ottensen wegziehen, dann ich, dass sie aus persönlichen Motiven hierbleiben. Hm... Natürlich gibt es auch Dinge, die mir nicht gefallen: die Schüsse in der Ottenser Hauptstraße im vorletzten Jahr, bei denen ein Mensch verletzt wurde, die "Hausmacht" der Motte, die total verwaisten Zeisehallen, die hohen Mieten in den besseren Wohnungen, dass vielleicht der Kaufhof schließen muß, die langen Schlangen auf dem Arbeitsamt und und und. Aber wenn ich es gründlich bedenke, dann ist "mein" Ottensen tatsächlich das beschriebene Konglomerat von persönlichen Gefühlen. Und ich tu noch eins drauf: Ich bin ein Kind vom Meer - und jetzt bin ich ein Kind der Elbe! :) Und noch eins: Samstag war ich im Kiosk gegenüber dem Marysol und bekam lecker Schokobonbons gescheckt - zur Feier des Ende des Ramadans. Es war eine sehr schöne Stimmung in dem Laden.
Was mir wirklich wirklich gefällt an diesem Viertel sind die unterschiedlichen Menschen, die hier leben, und die Streitkultur, die hier herrscht. Wie in unserem Gespräch: Vielleicht schließt sich so der Kreis?!
Reicht das an Erklärung? Und: Als welchen "Gegenstand" definierst du "dein" Ottensen?

Verweigere ich eine Antwort auf Deine letzte Frage, wenn ich Dich auf obiges >M< verweise, wo sich schon einige Beispiele für persönliche Lichter&Schatten finden ?
Abstrakt ist "mein" O. ein Organismus aus toter und lebender Materie, der mit dem Älterwerden immer wieder Änderungen unterworfen ist - Änderungen, die teils von außen auf ihn einwirken, teils aus ihm selbst hervorkommen.
Konkreter wird es vielleicht mit folgendem - realem! - Gleichnis :
Ca. 1983 stand ein Artikel in der damals noch jungen Hamburg-taz, betitelt "Geht doch nicht immer nach Ottensen!". Er enthielt den mit Herzblut geschriebenen Aufruf eines Holstenstraßen-Anwohners, der sich darin gegen die Verödung seines Stadtteils Altona-Altstadt und gleichzeitig, wenn auch unbeabsichtigt, gegen die sich anbahnende Schickisierung Ottensens wehrt. Der Autor war in seinem Viertel aktiv gegen die damals ja noch realisierte "Flächensanierung" ganzer Straßenzüge, gegen Luxusmodernisierungen und Miethaie, für den Erhalt des Thedebades, gegen den damals bevorstehenden Abriss des Krankenhauses an der Max-Brauer-Allee (heute Fachschule für Sozialpädagogik), hatte in der Esmarchstraße eine der ersten Food-Coops aufgebaut - ein überzeugter, kämpferischer Altonaer eben, wenngleich in Osdorf aufgewachsen.
Ende der 80er Jahre zog er um - nach ... Ottensen.

Olaf! Ist das nicht ein schönes weil offenes "Schlußwort"? Paßt nicht vieles, was wir hier an objektiven Fakten und subjektivem Empfinden beleuchtet haben, auch zu den aktuellen turbulenten Ereignissen um den geplanten Megaumbau des Bahnhofs? Raum für Engagagement und Auseinandersetzung, Raum für Worte - in diesem Sinne danke ich dir für dieses Gespräch, sehr!

Requiem, die zweite. Ob beabsichtigt oder verschrieben - Dein Schlusswort enthält die ultimative, weil exakte Antwort auf die von uns angeschnittene Frage, was Ottensen ausmacht :
Ottensen ist die Quersumme aus Engagement und Gaga ;-)
P.S. Wenn Dir wieder mal eine Schwarzwälder Kirsch vergällt wird, rechne gerne wieder mit mir.

Noch freie Initiale: C F G H J K L N P Q T V X Y - bedient Euch!

6. Februar 2000





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