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Graswurzelbissen und SchnellgeherWarum Mütter und Punks auf einer Seite stehenDiese Eingewiesenheit frustriert jeden Kinderlosen. Müttern sieht man ihren Durchblick an, sie haben die tiefsten Tiefen der Geburt überstanden, nur um nun in den höchsten Höhen des Daseins zu schweben. Der Griff am Kinderwagen ist wahrlich nicht dafür da, um den Nachwuchs rumzukarren, nein, er ist der Haltegriff, der Mütter am Boden hält. "Was, wenn nicht Mutter?" Diese Nachricht raunen die Gene mittels ihrer hormonellen Boten ab 25 immer hysterischer durch den Körper der Frau. Und die Damen der Schöpfung hören gerade in Ottensen gut hin. Wo sie dies nicht tun, da droht das Dasein als Workaholic in einer Frauenzeitschriftsredaktion. Mit Pech trägt der Mann, den die Frau dann noch abbekommt rote Lederjacken und fährt Mercedes-Cabrio. Dieses aber nur, weil der gewünschte BMW nicht lieferbar war, denn meist werden die kompletten 3er Serien von unseren türkischen Freunden aufgekauft. Darf man sich in den Zeiten eines Barnabas Schill über die "Atatürk Next Generation" amüsieren? Beispielsweise über diesen Handy-Typen bei mir gegenüber, der den ganzen, ja, den ganzen Tag telefoniert, während seine Mutter im Haarstudio schuftet? Natürlich trägt auch er schwarz, die Jungs sehen ohnehin alle aus wie Zorro oder haben sie schon einmal einen in lockeren beige Tönen gekleideten Türken auf einem Fahrrad gesehen? Aber egal, Ottensen sprudelt im Frühling vor Lust über, daran gilt es sich zu erquicken. Zwei Gruppierungen schnallen das sofort: Die Punks und eben die Mütter. Ist es Zufall, dass mit den vermehrten Auftauchen mittelgroßer Schilder mit dem Aufdruck "Eigentumswohnung zu verkaufen" die Zahl der bei Budni verkauften Haarfärbemittel der Sorten "knallrot" und "giftgrün" abnimmt? O.k., die bunten Zeiten, in denen der Spritzenplatz noch als Hort anarchischer Umtriebe galt, sind längst vorbei, aber ist es nicht schade, dass mit der Geburt der lichten Läden der Ottensener Hauptstraße die Lichtgestalten der 80er aussterben? Es muss daran geglaubt werden, dass es Leute gibt, die sich von den feinstofflichen Auslagen der Couture erheblich mehr belästigt fühlen als von einem Dummtüch sabbelnden Punk. Nötig ist daher eine baldige Eingabe an die Bezirksversammlung, die darauf hinweist, dass diese symphatischen Autoritätsverweigerer zur Belebung des Stadtteilbildes beitragen und aus diesem Grund gleich einer Baumplatte gehegt und gepflegt werden müssen. Aber man kann es natürlich auch so halten wie in der Großen Bergstraße, die mit allen Mitteln versucht ihr angestammtes Klientel aus dem nahen Umfeld zu vergraulen. Man schielt auf das prosperierende Mercado, ohne dabei zu bedenken, dass der ökonomisch schwächere Stadtteil die Großmannsuchtspläne nie tragen wird. Zunächst aber erst mal eine Straße durch die Fußgängerzone - einen Parkplatz zu finden war doch nie das Problem! Ob Junkie-Chase in der Innenstadt oder Entfernung der ungeliebten Säufer vor dem Saga-Gebäude: "Hauptsache die Idioten verschwinden vor meiner Haustür!" Auf der anderen Seite der Max-Brauer-Allee suchte man lange einen Weg, der mehr auf Solidarität als Entfremdung setzte, die "linke Szene" des Stadtteils wehrte sich nicht umsonst gegen den Bau des Mercado. Der Schuppen läuft mittlerweile so erfolgreich, dass nicht nur ein weiterer Ausbau in Arbeit ist, im ganzen Stadtteil kauft die Gesellschaft Grundstücke und Häuser, um sie mit solventen Partner zu besetzen. Das Problem dabei? Damit werden immer mehr Menschen angelockt, die in der Vermehrung von Geld zwecks Seidenschalerwerbs den Sinn des Leben sehen. Und bei Aldi sind seit drei Monaten die preiswerten Pizzen ausverkauft. Geschäfte müssen klein und dunkel sein, deswegen geht man doch dahin. Welcher Mann läuft denn gerne mit der schlecht sitzenden Cord-Levis durch das halb in den Laden integrierte Schaufenster? Welche Frau probiert ihre Schuhe denn gerne unter den Augen der Passanten an? Das tun doch nur Menschen mit Geltungsbedürfnis, als normaler Mensch sucht man die dezente Stimmung eines Kleidermarktes, wo man sich hinter den drehenden Ständern verschanzen kann. Diese ermöglichen auch das letzte Mittel gegen den Sozialabbau, den Diebstahl, und sind auch aus diesem Grunde den offenen Regalen mit 12Volt Halogenbelichtung unbedingt vorzuziehen. "Boutique", gerade wegen des gut ausgesprochenen E am Ende des Wortes ist es schade, dass diese Vokabel aus dem Schatz der Branche gestrichen worden - leider, denn früher wussten Herrchen und Frauchen noch ganz genau, in welchen Laden sie "Anziehsachen" erwerben konnten, heute bleibt bis in die Tiefen der Regale unklar, ob Mann sich in geschlechtlich korrekten Abteilung befindet. Aber zurück zu den Reflektionsobjekten des ödipalen Komplexes und damit geschwind zur nächsten These: Mütter mit ihren oft zu kleinrädrigen Kinderkarren sind letztlich das einzig probate Mittel gegen die Spezies der Schnellgeher. Was das ist? Schnellgeher sind Menschen, die es immer eilig haben. Sie hetzen morgens in ihr New Economy Loft, von dort aus zur Götterschmiede oder ins Meridian, von da aus ins Au Quai (zum Teil tarnen sie sich im Eisenstein), und dann zurück in Bett, und selbst dort unterdrücken sie ihre Fürze. Yeah, that´s the american way of life! Für sie sind Straßen und Bürgersteige nur Transitstationen, Übergänge von einem Event zu nächsten, Brücken zwischen Arbeits- und Spaßinsel. Sie ahnen nicht den Genuss eines genügsamen Spazierganges ohne Sinn und Ziel durch den Stadtteil. Wenn Sie sich freimachen wollen, dann buchen sie eine Woche Wellness und fordern Entspannung - "und zwar schnell". Gegen die weitere Ausbreitung der Eigentumswohnungen spricht, dass diese meist von Schnellgehern erworben werden. So eine Forderung aber wäre prämodern, oder besser gesagt kommunistisch, und irgendwie auch nicht Hippie-Style. Ergo muss der Abgeordnete im weißen Rathaus brüllen: "Sendet mehr Mütter in die Straßen, subventioniert den Bau von Kinderkarren!" Richtig, denn sie verstopfen den ewigen Strom der Hektik. Denken Sie an zwei sich begegnende Mütter vor Photo Dose in der Bahrenfelder Straße. Wenn diese nervenstarken Damen sich ins Gespräch vertiefen, dann geht auf dem Fußweg nichts mehr, da scheitert die Schnellgeherfraktion. Das ist ziviler Ungehorsam und das unausgesprochene Bündnis zwischen Müttern und Punks.
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